Seit 1991 bietet die „Civilization“-Reihe seinen Spielern die Möglichkeit die Geschichte der Welt umzuschreiben. Doch welche Geschichte zum Umschreiben wird den Spielern eigentlich vorgelegt? Es soll heute also einmal nicht um Spielmechaniken gehen, oder darum, welche Taktik für welche Kultur die beste ist, sondern vielmehr darum, wie historisch korrekt die präsentierte Geschichte eigentlich ist.
Wie so oft und schon erwähnt, geht es auch in „Civilization“ darum, die Geschichte zu ändern. Entsprechend kann man kein historisch korrektes Ende suchen, sondern nur einen historisch korrekten Anfang. Doch auch hier macht das Spiel einem einen Strich durch die Rechnung. Als Spieler kann man als Königin Victoria die Zivilisation „England“ viele Jahrtausende vor Christus gründen. Und das auf Landkarten, die auf unserer Erde ihres gleichen suchen. Was bleibt dann also noch? Eben die spielbaren Zivilisationen. Jede hat einen speziellen Anführer, eine spezielle Sonderfähigkeit, Einheit und ein Gebäude. Passt das alles zusammen?
Werfen wir doch einen Blick auf die Zivilisation „Ägypten“. Über die Auswahl braucht man nicht diskutieren, Ägypten hat 3000 Jahre Nordostafrika und Teile des Vorderen Orients beherrscht, beziehungsweise hat dort eine große politische Rolle gespielt, abgesehen davon, dass sie über die griechische und römische Kultur auch unsere heutige europäische Kultur mitgeprägt hat.
Angeführt wird Ägypten von Kleopatra. Eine interessante Wahl. Sicherlich ist sie eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Alten Ägyptens, jedoch ist sie auch die letzte Königin und spätestens mit ihrem Tod verlor Ägypten für lange Zeit seine Unabhängigkeit. Hinzu kommt, dass sie aus der Dynastie der Ptolemäer stammt, einer alten griechischen Dynastie, die zu diesem Zeitpunkt zwar schon über 200 Jahre in Ägypten herrscht, jedoch kulturell immer griechischer war, als ägyptisch. Schon in Civ2 und Civ3 ließ sich Ägypten unter der Führung von Cleopatra spielen, trotzdem erscheint die Wahl von Ramses II in Civ1, Civ2, Civ4 und Civ5 deutlich passender, genauso wie Hatschepsut in Civ4.

Als besonderes Monument wurde diesmal der Sphinx ausgewählt (Es ist wichtig den Unterschied zwischen der männlichen Sphinx in Ägypten und der weiblichen Sphinx in Griechenland zu beachten!). Einerseits erscheint diese Wahl sehr passend, da der Sphinx in Giza etwas einmaliges, sehr spezielles ist und ein Monument, mit dem das Alte Ägypten häufig assoziiert wird.

Wenn man jedoch beachtet, dass man in Civ6 den Sphinx mehrmals bauen kann, so muss man eigentlich von dem monumentalen Sphinx weg und hin zu den reichlich vorhandenen Sphingen-Statuen. Zu ihnen passt die Darstellung des Civ6-Sphinx auch besser (der Sphinx in Giza hat kein künstliches Plateau), doch passt dann die Größe im Vergleich zu den anderen Gebäuden wieder nicht.

Die grundsätzliche Darstellung eines liegenden Löwen mit Menschenkopf, mit seitlich anliegendem Schwanz, Nemes-Kopftuch und Bart passt auf beide Sphingen-Typen. Hier wurde sich also für einen unglücklichen Mischmasch entschieden.
Als Einheit wurde sich für Ägypten traditionell für den Streitwagen entschieden. Das ist absolut nachvollziehbar, da sie die Elitetruppen des Ägyptischen Heeres (ab dem Neuen Reich, etwa ab 1550 v. Chr.) darstellten und ein Garant für militärische Siege waren. Eigentlich kann man hier keine Fehler machen.

Altägyptische Streitwagen sind nicht nur hundertfach bildlich dargestellt, es gibt sogar originale Streitwagen in den Museen dieser Welt. Civ6 schafft es trotzdem, gleich mehrere Fehler einzubauen. Hießen die Streitwagen-Einheiten in den Teilen 3 bis 5 schlicht „Streitwagen“, so werden sie nun „Maryannu“ genannt. Was ist ein „Maryannu“? Erstmal ist es ein Fremdwort, dass ein „Mitglied der vornehmen Kriegerkaste Syriens“ [Rainer Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch,
S. 368f., 2006] bezeichnet. Es hat im Akkadischen mit gleicher Schreibung die Bedeutung „Wagenlenker“ und im Sanskrit als Vorsilbe „marya-“ die Bedeutung „Jüngling, junger Krieger“ [jeweils ebenda]. War die Nutzung eines Fremdwortes also notwendig, weil das Ägyptische kein eigenes Wort hat? Nein!

Der Streitwagen heißt im Ägyptischen „Wererit“ [ebenda S. 220], der Bogenschütze/Kämpfer auf ihm „Seneni“ [ebenda S. 779] und der Fahrer, der gleichzeitig Schildträger ist, „Kedjen“ [ebenda S. 962]. Hier hätte es also genug Bezeichnungen gegeben, die schlicht richtig gewesen wären, und in keinster Weise komplizierter, unverständlicher oder mit Verwechslungsgefahr. Es zeigt sich hier direkt der nächste Fehler: Auf einem ägyptischen Streitwagen fuhren zwei Personen mit, auf dem Streitwagen in Civ6 nur einer. Das ließe sich jedoch tatsächlich damit erklären, dass die häufigsten Darstellungen von Streitwagen den Pharao zeigen und dieser, selbstverständlich (im altägyptischen Denken), allein auf seinem Wagen in den Krieg zieht. Dennoch wissen wir Ägyptologen es dank verschiedenster Quellen besser. Sieht der Wagen in Civilization also aus, wie auf den Darstellungen eines streitwagenfahrenden Pharaos auf den Tempelwänden? Wieder nein!
Vor allem drei Unterschiede fallen sofort ins Auge: Erstens zeigen die pfeilbestückten Köcher in die falsche Richtung; zweitens haben die Streitwagen 6 Speichen, der Streitwagen in Civ6 hingegen 10; drittens wurde ein Streitwagen von zwei Pferden gezogen, was zugegebener Maßen auf den bildlichen Darstellungen nicht immer sofort erkennbar ist, aber mit etwas Sachverstand weiß man, dass eine zentrale Deichsel immer eine gerade Anzahl an Zugtieren benötigt.
Abbildung 1 – Darstellung der Sphinx in Civ6
Abbildung 2 – Der Sphinx von Giza
Abbildung 3 – Sphinx der Hatschepsut aus dem Metropolitan Museum of Art
Abbildung 4 – Concept Art des Maryannu in Civ6
Abbildung 5 – Darstellung von Ramses II in Abu Simbel